OnlineItalien 04.2026

ITALIEN 13 rattelschneck Helferin in der Not von Eugen Egner Nachdem ich lange nichts von ihr gehört hatte, erschien mir meine seit vielen Jahren tote Mutter im Schlaf. Sie teilte mir mit, ich solle Inhaber des Lectori Salutem Verlags werden, der ihrem Vater gehöre. Diese Nachricht überraschte mich sehr, denn mein Großvater mütterlicherseits wäre der letzte gewesen, dem ich je unterstellt hätte, in irgendeiner Weise mit so etwas wie einem Verlag zu tun zu haben. Ungeachtet dessen brachte mir meine Mutter Straße und Hausnummer zur Kenntnis und fügte hinzu, man erwarte mich. Dann löste sie sich auf. Am nächsten Vormittag fuhr ich in die Innenstadt und suchte die mir genannte Adresse auf. Tatsächlich gab es dort einen Verlag, der Lectori Salutem hieß. Als die Dame am Empfang erfuhr, wer ich war, brachte sie mich umgehend zur Geschäftsführerin. Ich versuchte, ihr meine Anwesenheit zu erklären, doch sie bedeutete mir zu schweigen. Über gewisse Dinge dürfe nie gesprochen werden, sagte sie. Sodann reichte sie mir etwas in Alufolie Gewickeltes. Es hatte ungefähr die Maße eines dicken Taschenbuchs, war aber weicher und fühlte sich warm an. Ich fragte nicht, worum es sich handelte. Die Geschäftsführerin trug mir auf, es zu einem bestimmten, ein paar Straßen entfernten Abfallbehälter zu bringen. Weil ich diese Erledigung als formale Voraussetzung für die Übernahme des Verlags betrachtete, gehorchte ich wortlos und verließ mit dem weichen, warmen Paket die Geschäftsräume. Im Parterre traf ich bei der gläsernen Eingangstür auf eine sehr fremdartig aussehende Person. Sie war anscheinend männlichen Geschlechts und rußig wie ein Schornsteinfeger, doch stellenweise – vor allem am Kopf – mit gelbem Puder beschichtet. Weil ich einen freundlichen, unvoreingenommenen Eindruck machen wollte, fragte ich den deplaziert wirkenden Fremden, ob ich ihm helfen könne. Die Antwort bestand in unverständlichen Lauten, die Aufregung und Ärger ausdrückten. Ruckartige Körperbewegungen unterstrichen diesen Eindruck. Ich wünschte, ich wäre einfach auf die Straße hinausgegangen. In dem Moment, da ich dies nachholen wollte, stand auf einmal ein zweites, dem ersten in Aussehen und Verhalten ganz ähnliches Wesen vor mir. Es streckte einen Arm gegen mich aus und fuchtelte damit aggressiv herum. Mehrmals stieß die Hand, die aus langen, dicken Borsten bestand, an meinen Kopf. Bevor die Lage sich weiter zuspitzen konnte, wurde die Glastür geöffnet, und ein schmächtiges Mädchen von höchstens zehn Jahren kam herein. In seinen Händen hielt das Kind einen dicken, langen Stock, mit dem es sogleich ganz entschlossen auf die bedrohlichen Gestalten einschlug. Mit einem Sprung war ich bei der Tür und gelangte ins Freie. Froh, entkommen zu sein, machte ich mich auf den Weg, den die Geschäftsführerin mir beschrieben hatte. An der nächsten Kreuzung kam ich jedoch nicht weiter. Der gesamte Block auf der anderen Straßenseite war von Sicherheitskräften abgesperrt worden. Einer der Polizisten sprach von einem „ungelenken Weltuntergang“, der sich drüben „abspiele“. Es war nicht möglich, den Abfallbehälter zu erreichen. Ich warf daher das in Alufolie Gewickelte auf den Müll am Straßenrand. Als ich mich umwandte und zum Verlag zurückgehen wollte, stand das Mädchen mit dem Stock vor mir. Es sah mir direkt in die Augen, und die Botschaft ihres strengen Blicks war zweifellos: „Heb das wieder auf.“ Ich begriff, dass ich die Sache auftragsgemäß zu Ende bringen musste. „Gut“, sagte ich, „ich tu’s. Aber nur, wenn du mitkommst.“ Das Mädchen nickte ernst. Daraufhin hob ich das nun noch wärmere Paket auf. Mit einer leichten Kopfbewegung gab das Kind das Zeichen zum Aufbruch, und wir überquerten gemeinsam die Straße. Ich war zuversichtlich, dass uns der Stock meiner Begleiterin einen Weg durch jede Art von Weltuntergang bahnen konnte.

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