OnlineItalien 04.2026

12 ITALIEN Schüsse im Restaurant (fast ein Kurzkrimi) von Uwe Becker Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig. Höchstwahrscheinlich ist er für eine eventuelle spätere Verfilmung viel zu kurz. Man müsste daher noch ein paar schöne Landschaftsaufnahmen dazwischen schneiden, die man mit einer Drohne aufnehmen könnte. Aber warten wir erst mal ab, ich will jetzt nicht ins Detail gehen. Wichtig ist ja die Geschichte, die erzählt wird. Daher wünsche ich Ihnen zunächst viel Vergnügen. Jetzt geht’s los: Hauptkommissar Manfred Wedekind stand auf seinem Balkon und schaute auf den tristen Hinterhof, in dem sich eine Garage an die nächste reihte, eine grauer als die andere, wie alte, verwaschene, ehemals perlweiße Bettwäsche an der Leine. „Gleich haben wir was ganz Schönes vor, Manfred“, sagte seine Frau gedämpft optimistisch. Claudia Wedekind hatte zwei Karten für „Palermo, Palermo“, ein Stück von Pina Bausch, vom Physiotherapeuten des Wuppertaler Tanztheaters geschenkt bekommen. Claudia hatte ihren ehemaligen Klassenkameraden kurz zuvor zufällig auf der Straße nach vielen Jahren wiedergetroffen. Kurz und gut, vor einigen Tagen rief er an und teilte Claudia mit, dass er an der Kasse für kommenden Sonntag zwei Karten auf ihren Namen hinterlegt hat. Wedekinds hatten noch nie ein Stück der Solinger Choreografin gesehen. Manfred Wedekind leitet hier in der Stadt die Mordkommission, interessierte sich privat allerdings ausschließlich für Fußball. Seine Frau wollte sich einfach nur „überraschen“ lassen, und freute sich über die Abwechslung. Sie joggte zweimal die Woche auf der Königshöhe und arbeitete vormittags in einer Metzgerei. „Ist Pina Bausch nicht tot?, rief Manfred aus dem Badezimmer. „Du denkst auch nur an Tote, kannst du deinen Beruf mal für einen Moment vergessen.“ „Hä? Wenn ich frage, ob Bausch tot ist, heißt das doch nicht, dass ich denke, man hätte sie ermordet.“ „Ja, schon gut, aber wenn du ‚tot’ sagst, denke ich immer, du glaubst an Mord und so.“ Wedekinds waren seit fünfzehn Jahren verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich bei Norberts Geburtstag, einem Freund von Manfred. Claudia war damals die Freundin von Norberts Frau Silke. Claudia hatte sich von ihrem ersten Freund Detlef kurz vorher getrennt. Manfred Wedekind fand Norberts Freundin eigentlich attraktiver. Silke war aber augenscheinlich ziemlich stark in Norbert verknallt, daher suchte er, nachdem er das erkannt hatte, die Nähe zu Claudia. Im Laufe des Abends tranken sich beide schön. Nach einer guten Weile kamen sie zusammen (Kino, Essen, Übernachtung). Kinder wollten beide nicht, da waren sie sich von Anfang an einig. Warum, wird nicht weiter erörtert. Norbert und Silke bekamen insgesamt sechs Kinder. Später wurden sie Trauzeugen von Claudia und Manfred. Aber das ist Schnee von gestern. „Wir müssen los, sonntags fangen die im Opernhaus immer schon früher an, um sechs Uhr“. Claudia bat ihren Mann um Eile. Als sich Wedekinds kurze Zeit später in der Oper mühevoll im 2. Rang in die Sitze quetschten, beide hatten in den letzten Jahren arg zugelegt, meinte der Hauptkommissar etwas gereizt: „Dein Physiotherapeut hätte dir direkt noch einen Gutschein für eine Massage schenken können. Wenn wir hier lebend rauskommen, haben wir Rücken und kriechen auf allen Vieren. „Übrigens, er hat bei der Uraufführung vor vielen Jahren selbst in dem Stück mitgetanzt!“ sagte Claudia fast stolz. „ Ach, dann gehen hier gar keine richtigen Tänzer zu Werke?“, fragte Manfred etwas sarkastisch. „Doch, natürlich, er hat halt noch im Alter einen neuen Beruf erlernt. Machst du bitte dein Handy noch aus?“, das wäre mir sonst peinlich, wenn es während der Aufführung klingelt. „Ich hab Bereitschaft, Claudia“, entgegnete Manfred ernst, „ist aber auf lautlos gestellt.“ In der Pause standen Wedekinds etwas verloren im Foyer, beide kannten hier niemanden. Gegen jede Erwartung gefiel ihnen das Stück aber sensationell gut, Wedekinds waren total geflasht (von den Socken), sie hatten es sich nicht so wahnsinnig schön vorgestellt. Beide waren überwältigt und total perplex. Sie schienen äußerst verblüfft darüber zu sein, dass sie sich auf etwas derart Neues einlassen konnten, und bereit waren, sich von klassischen Sehgewohnheiten zu verabschieden. Wedekinds hatten richtig rote Bäckchen, von all der wundersamen Aufregung und Schönheit, die sie hier unerwartet erleben durften. Plötzlich vibrierte Wedekinds Mobiltelefon. Seine Frau nahm ihm sein Sektglas ab, er musste zum Telefonieren raus. Sie trank vor Nervosität, etwas zitternd, abwechselnd aus beiden Gläsern. Durch die Glastür beobachtete sie Manfred, und ahnte, dass etwas passiert ist, und er wohl direkt los müsste. Als Wedekind wieder ins Foyer trat, lächelte er seine Frau an, nahm sein Glas, trank es aus und tänzelte zum Ausschank, um zwei neue Gläser zu bestellen. Seine Frau schien etwas verdutzt: „He, und was ist jetzt, musst du nicht weg?“ Wedekind klärte seine Frau darüber auf, dass es in einem italienischen Restaurant zu einer Schießerei kam und zwei Männer dabei erschossen wurden. „Ich habe Kollege Krüger gebeten, dass er das ausnahmsweise mal ohne mich machen soll. Zumal ich gerade noch in Palermo wäre“, fügte er schmunzelnd hinzu. „Krüger fragte mich, wo seid ihr, in Palermo? Ich habe ihm dann gesagt, genau genommen sind wir in Palermo, Palermo, haha.“ Dann ertönte der Gong. Bestens gelaunt gingen Wedekinds zurück zu ihren unbequemen Plätzen, aber das störte sie nicht mehr. ari samy

RkJQdWJsaXNoZXIy NDk1NjA=